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X

Auf ein Wort!

X first

X ist ein Platzhalter und Sie können für X etwas X-beliebiges einsetzen. Zum Beispiel America, oder Türkiye, Deutschland oder Bayern. Sie können auch Namen einsetzen. Ihren eigenen oder den Ihrer Frau, Ihres Kindes oder Hundes. Probieren sie es mal! Wie klingt es? Gundula first, Heinz first, Fiffi first. Egoisten neigen dazu, sich für X einzusetzen. Gutmenschen setzen den Menschen oder das Haustier ein, dass sie besonders lieben und Ganzgutmenschen setzen diejenigen ein, die sie gar nicht mögen. Wenn jeder etwas anderes für X einsetzt, wird es schwierig. Amerika, Europa, Iran, China, Russland first, dann gibt es ein riesiges Gedrängel um die ersten Plätze und in Folge dieses Gerangel blaue Flecken, blutige Nasen, am Ende Tote und Verletzten.
„First“ sagt, es gibt Gewinner und Verlierer. Deshalb treten Christen gerne aus der ersten Reihe zurück, um es ein wenig gerechter zu machen wie sie meinen und setzen ihren Nächsten oder sogar den Feind an erste Stelle. Auch wenn sie davon Magenschmerzen bekommen, reihen sie sich unterwürfig auf einen hinteren Platz ein. Diese Haltung ist allerdings nicht besser als das egomanische „herumgeprole“ eines Trumps oder Erdogans oder von Gundula, der Haustyrannin. Eltern die ihre Kinder auf Platz 1 setzen, erziehen Tyrannen, die tröge und lebensunfähig darauf warten, dass Mama sie durch die Welt kutschiert. Nein, wie ich das „first“ auch benutze, es taugt nicht zum guten Leben. Wir brauchen kein „X first!“, gar kein zuerst. Es ist nicht christlich Hierarchien herzustellen, denn sie widersprechen der Ordnung Gottes, in der jeder Mensch einzigartig ist. Paulus vergleicht im 1. Korintherbrief deshalb die Gemeinde Christi mit einem Körper, der aus unterschiedlichen Gliedern und Organen besteht. Alle, auch das kleinste Organ ist wichtig, damit der Körper gesund bleibt. Kein Glied kann sich deshalb über das andere setzen, nur so gelingt Leben, sagt Paulus.

Wozu brauchen wir eine Kirche?

Die Kirche in Karben wird sich verändern. Zunächst heißt das, in den nächsten Jahren wird es in Karben mindestens eine halbe Pfarrstelle weniger geben. Um 7 Stadtteile oder 6 evangelische Kirchengemeinden pfarramtlich weiterhin gut zu versorgen, das heißt nahe bei den Menschen zu sein, wird sich in der Zusammenarbeit zwischen den Kirchengemeinden etwas verändern.

Seit Jahren bemühen wir uns deshalb in der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen (Arge) enger zusammenzurücken. Seit Januar 2018 haben wir diese Arbeit nun intensiviert und steuern auf eine verbindliche Zusammenarbeit der Kirchengemeinden zu.
Die Kirche wird sich verändern. Mit dieser organisatorischen Veränderung müssen auch die Inhalte neu überdacht werden.
Welche Aufgaben muss und soll Kirche in Zukunft übernehmen, das ist hier die Frage.
Geht es hauptsächlich um Mangelverwaltung bei den anstehenden Kürzungen oder besteht die Chance für die Kirche, sich durch diese „erzwungen“ Veränderungen neu auszurichten?
Pfarrer Volkhard Guth sagte bei seiner Rede zur Wiederwahl zum Dekan, dass eine Veränderung bitter nötig sei! „Denn,“ so Volkhard Guth, „wir leben heute in einer postkirchlichen Gesellschaft!“
Eine postkirchliche Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der Kirche zur Randerscheinung wird und keine wesentliche Bedeutung für das gesellschaftliche Leben hat. Denn „post“ heißt im Deutschen nichts anderes als „nach“.
Wir leben also in einer nachkirchlichen Gesellschaft, sagt Volkhard Guth, und er hat wohl recht. Sie, liebe Leser, können das überprüfen. Beginnen wir mit dem Gottesdienstbesuch. Die Schar der regelmäßigen Gottesdienstbesucher ist klein geworden. Zwischen 1% und 4% der Kirchenglieder gehen sonntags zur Kirche. Die Seniorenkreise finden keine nachfolgenden Interessenten mehr. In vielen Gemeinden gibt es keine Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen mehr. Die Zahl der Trauungen und Taufen sind kaum erwähnenswert im Jahresverlauf.
Um Menschen für Kirche zu interessieren, müssen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kirchengemeinden, die Kirchenvorstände und wir Pfarrerinnen und Pfarrer immer ausgefallenere Ideen überlegen, um Aufmerksamkeit zu bekommen, um gehört zu werden. Da werden aus Gottesdiensten Holyparties! Auf kirchlichen Internetseiten kann man sich online segnen lassen. Die Bibel wird in eine Pseudo-Jugendsprache übersetzt, in der dann der Beginn des 23. Psalms wie folgt lautet: „Gott höchstpersönlich ist mein Dauergastgeber, [whoa] der mich nonstop erfüllt, denn seine Power ist unfehlbar. Er bringt mich zu einer All-you-can-eat-Bar mit allem, was mein Herz begehrt und liebt [whoa / ja].“
Es gibt „erotische“ Gottesdienste und, und, und ...
In diesem Zusammenhang empfiehlt Dekan Volkhard Guth, die Kirche solle auch weiterhin in Gottesdiensten das Evangelium verkünden, „aber so, dass die Menschen es verstehen und annehmen und mitfeiern können“.  Deshalb müsse die Kirche in den nächsten Jahren genau zuhören und fragen, was die Menschen heute noch ihr brauchen.

Seit Jahren versuche ich zu erkunden, was Menschen heute noch von der Kirche erwarten. Die, mit denen ich gesprochen habe, erwarten: „... dass Kirche irgendwie da ist, wenn man sie braucht!“, was immer auch damit gemeint ist. Sie erwarten jedenfalls weder erotische Gottesdienste, noch Gottesdienste in lockerer Umgangssprache, keinen online Segen und sonstige außergewöhnlichen Einsätze.
Diese eher vage, unklare Haltung finden wir immer wieder in der heutigen Gesellschaft.
Sie macht nicht nur den Kirchen zu schaffen, sondern ebenso Vereinen, Parteien, Verbänden. Das Interesse, sich mit anderen verbindlich für eine Sache sich zu engagieren, hat sich verändert, denn wir leben nicht nur in einer postkirchlichen, sondern auch in einer sich immer stärker individualisierenden Gesellschaft.

Ich möchte deshalb eine zweite Betrachtung hinzufügen. Sie gründet auf dem griechischen Geschichtsschreiber Polybios, der im zweiten vorchristlichen Jahrhundert lebte. Karl Marx hat im 19. Jahrhundert ebenso wie Politologen und Soziologen der Gegenwart dessen Überlegungen aufgegriffen.
Polybios beobachtete: Wenn Despoten vermehrt an die Macht kommen, sei dies ein Zeichen des gesellschaftlichen Verfalls. Nun können wir feststellen, dass immer mehr Despoten und Populisten gewählt werden: Erdogan, Putin, Trump, Orban, Kaczynski, Kurz, Gauland, Höcke...
Der Zerfall bestehe darin, so Polybios, dass die Bereitschaft, sich sozial und moralisch zu verhalten, geringer werde, also die Tugenden den Menschen nicht mehr leiten, sondern sein Ego. Damit werde die Bereitschaft, sich für andere zu engagieren, ebenso geringer.

Wenn ich heute den Menschen zuhöre, dann beklagen viele vor allem genau das. Sie beklagen den Verfall des Sozialen und Moralischen. Sie beklagen den verbreiteten Egoismus, selbstsüchtiges Verhalten und den Werteverfall. Wenn ich Glück habe, dann sagen sie vielleicht in einem Nebensatz: „Das wäre doch mal eine Aufgabe für die Kirche, dagegen zu steuern!“
Jetzt greife ich mal nach diesem Strohhälmchen in dieser Aussage und glaube, dass diese Menschen, die dies sagen, der Kirche damit den Auftrag geben, sich ums Wohl der Mitmenschen zu kümmern. Ich höre darin die Erwartung, dass die Kirche sich einsetzen möge für den Erhalt der Werte und sich engagiert für ein gutes, friedliches und gerechtes Zusammenleben. Dies bedeutet dann nicht mehr allein, schöne Predigten zu halten oder ein seligmachendes Vereinsprogramm zu bieten. Kirche wird dann stärker einem gesellschaftspolitischen, werteorientierten Ansatz folgen und damit die Verantwortung für die Schöpfung und ihre Geschöpfte wahrnehmen. Bleibt die Frage, ob wir, also die Kirche, diesen Auftrag annehmen wollen.

Damit aber wäre die Kirche wieder bei Jesus Christus angekommen.

Denn im Neuen Testament können wir lesen:

„Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. 

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 

Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir getan.“
Mtth. 25,31-40

Damit grüße ich Sie ganz herzlich und wünsche Ihnen eine wunderschöne Frühlingszeit.

Ihr Pfarrer Werner Giesler

Karl ist Tod

Karl ... der Nachname tut nichts zur Sache. Die meisten, die an diesem Tag in unserer Kirche sitzen, um an der Trauerfeier teilzunehmen, haben ihn sowieso nur Karl genannt. So gut kannten sie ihn, so nahe waren sie ihm. Eigentlich hieß er Friedrich Karl, aber Friedrich, das hat nie zu ihm gepasst, und Karl klingt zu dem noch im Hessischen besser als dieser  preußische Friedrich.


Karl war ein guter Kumpel und als Bruder, als Schwager, als Onkel und Großvater, aber vor allem als Vater und Mann, ein toller Mensch. Immer da, wenn er gebraucht wurde, hilfsbereit! Und so, wie er zupacken konnte, so konnte er auch feiern, das Leben genießen.

Er hatte eine lange Leidenszeit, aber nun hat ihn Gott, Gottseidank, von seinen Leiden erlöst. Zu früh der Tod, aber dennoch eine Erlösung.

Aber den zweiten Halbsatz sagt man so dahin, um sich zu trösten, um sich vorzumachen, dieser Tod hat doch irgendwie einen Sinn.
Im Trauergespräch versicherte die Witwe und die Kinder, dass der Tod nicht nur sie, sondern alle, die den Karl gekannt haben, fassungslos und tief betroffen gemacht hat.

Jeder hätte das gesagt oder geschrieben.

Ein wenig erzähle ich davon in meiner Traueransprache in unserer Kirche. Still ist es. Die meisten starren vor sich hin. Es ist nicht abzulesen, was in den Menschen dort in den Kirchenbänken vor sich geht.

Dann sage ich zum Abschluss der Trauerfeier wie jedes Mal:
Und nun lasst uns den Verstorbenen zu seiner letzten Ruhestätte bringen, der Friede des Herrn geleite uns auf unserem Wege.
Die Trauergemeinde steht auf, richtet ihre Mäntel und Jacken.

Ich gehe zu den Angehörigen, der Urnenträger schreitet gemessen Schrittes mit dem Kreuzträger durch den Gang zur Urne.
Beide verharren einen Augenblick in der Stille vor der Urne, verbeugen sich kurz, dann nehmen sie mit Achtung Kreuz und Urne.
Ich warte mit den Angehörigen, bis der Kreuzträger und danach der Urnenträger an uns vorbei gegangen sind, dann folgen wir ihnen.
Einige der Besucher haben schon vor uns die Kirche verlassen. Jetzt stehen sie auf dem kleinen Vorplatz vor der Kirche.

Zwei oder drei Männer haben sich Zigaretten angezündet. Eine Frau sieht gebannt auf das Display ihres Smartphone. Ein ältere Herr erzählt einer Frau, die neben ihm steht, dass es heute Mittag nur Kartoffelpuffer gegeben habe und dass die Lina, wohl seine Frau, es einfach nicht kapiere, dass ihm die fetten Puffer immer so schwer im Magen liegen.

Kreuzträger, Urnenträger, die Witwe mit ihren Kindern und ich gehen an ihnen vorbei und steigen nun die Treppen zur Kirchgasse hinab.
Wir warten unten auf der Straße. Nicht alle sind so gut zu Fuß. Langsam schließt sich der Trauerzug, den nächsten Angehörigen an.

Wir ziehen los, hinauf zum Friedhof an der Rendeler Straße.

Die Menschen im Trauerzug reden miteinander zunächst verhalten, dann immer lebhafter.
Ich kann nicht genau hören, worüber sich die Trauernden unterhalten, aber hier und da schnappe ich das eine oder andere auf. Autoreparaturwerkstatt nie wieder. Am Sonntag ... erst abends zum Schuldt oder mittags schon nach Rendel zum Hock, ... Gartentor beschmiert.
Neben mir geht schweigend die Witwe. Tränen kullern über ihre Wange. Dann sieht sie mich an und sagt traurig und zugleich mit einer gehörigen Portion Wut:
„Können die nicht mal ihr Maul halten und die Kippen ausmachen!“ „Recht hat sie!“, denke ich. „Recht hat sie, auch in der Wortwahl!“

Und dann sagt sie noch ganz leise mit einem Seufzen: „Es ist doch nur ein kleiner Augenblick, dann ist er doch unter der Erde!“
Ich nicke.

Ich frage mich, wie ist das mit der tiefen Betroffenheit,die die Freunde bekundet haben?
Sieht so Fassungslosigkeit aus?
Ist das Trauer, was die da machen?
Nimmt da irgendeiner wirklich Anteil, wenn da im Trauerzug, über Kartoffelpuffer und Reparaturwerkstatt, die Entscheidung, ob man sonntags hier hin oder dort hin zum Essen geht, debattiert wird?

Und ich frage mich: Ist das mit der Bertoffenheit nur geheuchelt? War in Wirklichkeit der Karl nur irgendeiner unter vielen, um den es nicht wirklich schade ist? Oder werden so heute Freundschaften gepflegt?

Wer so mit Freunden umgeht, der muss damit rechnen, dass er ebenso von anderen abgeschoben und vergessen wird, für andere einer unter vielen wird.

Eine solche kalte Welt, ist eine Welt ohne Gott. Denn Gott war bereit, sogar in seinem Sohn Jesus Christus den eigenen Tod hin zu nehmen, damit das Leben, die Menschen nicht in Vergessenheit geraten. So wichtig waren und sind Gott die Menschen.

Daran denken wir in der Passionszeit.

Vielleicht ein Anlass, wieder wirkliche Freundschaften, solche dem die Menschen nahe sind, zu pflegen.

Respekt

Eine Schülerin einer 10. Klasse beklagt die Rücksichtslosigkeit der Fünftklässler. Sie erzählt, wie das Gehen über den Pausenhof zum Spießrutenlauf werden kann. Da kann es ihr passieren, dass kleine Jungs und auch Mädchen die große Palette der Fäkalsprache vor ihr ausbreiten und ihr massiv sexistisch entgegentreten. Wehren kann sie sich nicht, nicht handgreiflich, und beschweren bei Lehrern nützt nichts.

Eine etwa 70-jährige Autofahrerin, die mir die Vorfahrt nimmt, zeigt mir den Mittelfinger in der festen Überzeugung, dass sie im Recht gewesen sei.

Überall wird rumgepöbelt, gemeckert, beschimpft sich aufgeregt, gedroht.

Soziologen sprechen von der Rüpel-Republik und stellen fest, dass die Werte, die uns bisher Achtung voreinander haben ließen, wegbrechen. Da sprechen wir von einem massiven Kulturzerfall.

Das ist nichts Neues. Ägypter, Assyrer, Babylonier, Griechen, Römer haben das zuvor erlebt. Zur Folge hat das gehabt, dass ihre mächtigen Reiche und Kulturen ganz einfach verschwanden oder in der Bedeutungslosigkeit versanken. Ganz offensichtlich kündigt sich das für unsere westliche Welt ebenso an. Politische Führer wie Donald Trump stehen dafür.
Das ist nichts Schlimmes.

Andere Kulturen werden kommen und groß werden. Es ist nur schmerzhaft. In der Bibel werden solche Untergangsszenarien beschrieben. Sodom und Gomorra gehen unter, weil ihre Kultur zerfallen sind, ähnlich wie die unsere, die gerade zerfällt.

Ninive ebenso, allerdings haben die Niniveaner sich noch zu guter Letzt auf ihrer alten Tugenden besonnen. Sie haben es geschafft, ihren selbstzerstörerischen Kurs aufzugeben.

Vielleicht gelingt uns das auch im neuen Jahr. Mit dem Respekt vor anderen kann es beginnen.

Zum Thema Respekt erfolgt eine Gottesdienstreihe im ersten Halbjahr 2018. An jedem 2. Sonntag um 11.00 Uhr im Gottesdienst gibt es Szenen, Collagen und Musik zum Thema Respekt. Dazu laden wir ganz herzlich ein.

Frohe Weihnachten und ein gesegnetes neues Jahr wünsche ich Ihnen.

Zum Fest noch eine Weihnachtsgeschichte. Sie ist wahr, und nur an ein paar Stellen so verändert, dass die Menschen, von denen sie handelt, anonym bleiben können. Aber nun die Geschichte:

Vor einiger Zeit stand ein älterer Herr vor der Tür. In der Hand hielt er einen Zeitungsfetzen, alt und speckig. Darauf war neben einer Werbung für eine Handcreme  und ein paar Bruchstücken eines Zeitungsartikels zu lesen. „Wir haben geheiratet ...“

Der alte Mann hielt mir dieses unansehnliche Stück Zeitung entgegen und deutete auf die Namen, der Heiratsannonce: „Haben Sie die da getraut hätte!“

Ich erinnerte mich daran, dieses Paar vor gut einem 3/4 Jahr kirchlich getraut zu haben.

Er schluckte und fragte dann mit belegter Stimme, ob ich wisse, wo das Paar wohne?

In der Anzeige war keine Adresse aufgeführt, gewiss aus Datenschutzgründen.

Ich konnte ihm die Adresse deshalb nicht einfach herausgeben. Ich riet ihm, doch im Telefonbuch nach zu sehen!

Das hätte er schon gemacht, aber er hätte unter dem Namen keinen Eintrag gefunden. Auch wäre er beim Einwohnermeldeamt gewesen, aber da hätte man ihm die Auskunft aus den gleichen datenschutzrechtlichen Gründen verweigert.

Ich fragte ihn, warum er die Adresse wissen wolle, und er erzählte mir unter Tränen, er glaube, die Braut sei seine Tochter.

Als sie 11 Jahre alt war, habe seine Frau sich von ihm getrennt und sei mit der Tochter in ihre Heimat nach Spanien zurückgegangen. Und er habe sich nicht mehr um sein Kind gekümmert. Das sei eine große Dummheit gewesen, die er bereue. Lange habe er nicht an seine Tochter gedacht. Und wenn sie ihm dann doch einmal durch seine Gedanken gegeistert wäre, hätte er mit einem Seufzer und einem Kopfschütteln diese dunklen Gedanken an seine Vergangenheit vertrieben.

Dann aber sei ihm diese Zeitung in die Hand gefallen. Die Fischfrau hatte den Fisch darin eingewickelt. Eigentlich schaue er ja nicht in alte Zeitungen, schon gar nicht, wenn sie zum Einpacken verwendet würden. Aber irgendwie sei sein Blick an „seinem“ Namen hängen geblieben.

Also habe er sich die Annonce genauer angesehen. Da stand eben nun sein Namen nach dem Wort „geborene“ und davor habe er eben den Vornamen seiner Tochter gelesen. Zuerst habe er gedacht, dass kann nicht sein. Er war felsenfest davon überzeugt, seine Tochter lebe noch in Spanien. Und dann seien ihm die Tränen gekommen. Und er hätte nicht mehr aufhören können zu weinen und an seine Tochter zu denken. Und auf einmal war der große Wunsch da, doch noch einmal seine Tochter zu sehen.

Ich gab zu bedenken, dass jene Person auch eine andere sein könne.
Gewiss, aber vielleicht, wenn das Geburtsdatum auch noch übereinstimme ...

Er nannte mir das Geburtsdatum.

Ich sah im Traubuch nach und tatsächlich,  jene Braut musste seine Tochter sein. Dennoch, ich konnte ihm nicht einfach die Adresse geben, bot ihm aber an, mit seiner Tochter Kontakt aufzunehmen und ihr seine Telefonnummer zu geben. Er willigte ein.

Die Tochter, die zunächst abwehrte und mit dem fremden Vater nichts zu tun haben wollte, nahm zwei Wochen später den Hörer in die Hand und sagte, als auf der anderen Seite abgenommen wurde: „Hallo Papa!“

Dass jener alte Herr weit mehr als hundert Kilometer entfernt von Karben einen Fisch eingepackt bekam in einer Zeitung, in dem ihm der Wohnort seiner Tochter mitgeteilt wurde, ist natürlich kein Zufall, sondern ein himmlisches Weihnachtsgeschenk.

Denn Gott kommt immer wieder zu Erde, auf die unterschiedlichsten Arten und Weisen, damit unser Leben gut und heil wird. Wir müssen es nur wahrnehmen, und dann findet Weihnachten für uns zu jeder Zeit an jedem Ort statt.


In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch einmal ein gesegnetes Weihnachtsfest.    

Schon lange gehen wir in den Supermärkten auf Weihnachten zu, jetzt auch in der Kirche. Wir haben mit den Krippenspielproben begonnen. Das war gar nicht so einfach.

Viele der Kinder und Jugendlichen, die ich gefragt habe, ob sie eine Rolle übernehmen wollen, haben sich mit Bedauern entschuldigt, da sie zu Weihnachten nicht zu Hause sind. Sie fahren zu den Großeltern oder Tanten und Onkeln, um gemeinsam mit der ganzen Familie zu feiern. Weihnachten ist ein Familienfest. Und es ist ja auch gut, wenn wenigstens einmal im Jahr die Familie zusammen kommt.

Die Politiker, wenigstens die konservativen Politiker in unserem Land wissen: Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft und deshalb besonders zu hofieren. Damit gilt der Familie vor allem der Schutz werteorientierter konservativer Politik.

Nach dem Gottesdienst spricht mich ein Flüchtling aus dem Irak an. Er ist Jeside, und gehört damit zu einer 4000 Jahre alten Religion. Seit 2014 werden die Jesiden vom IS als Teufelsanbeter massiv und systematisch verfolgt. Man rechnet, dass etwa 3000 jesidische Männer getötet wurden und mindestens genauso viele Frauen verschleppt und vergewaltigt wurden. Hilfsorganisationen sprechen von einem Genozid an den Jesiden. Auch wenn das systematische mörderische Vorgehen des IS eingedämmt werden konnte, die Furcht und leider auch die Übergriffe islamischer Gruppen bleiben.
Der junge Jeside bittet mich ans Gericht in Gießen zu schreiben, dass endlich sein Fall verhandelt wird, denn ohne den Abschluss des Asylverfahrens kann er seine junge Frau und seinen 2 jährigen Sohn nicht nachholen. Er wartet mittlerweile 1,5 Jahre auf seine Verhandlung. Die Sorge und die Sehnsucht nach seiner Frau und seinem Kind haben an ihm gezehrt. Aus traurigen Augen sieht er mich dieser untergewichtige junge Mann an.
Ich schreibe ans Gericht und bekomme keine Antwort. Ich trete mit der Anwältin des Jesiden in Kontakt. Sie sagt mir, dass da keine Chance bestehe, eine Verhandlung bald zu bewirken. Die Bundesregierung überlege noch, ob sie das Jesidengebiet nicht endgültig zum sicheren Herkunftsgebiet erklären solle, da der IS doch stark zurück gedrängt sei und eine systematische Verfolgung nicht mehr bestehe. Ja, vereinzelt käme es noch zu Übergriffen, aber nicht generell. Ich sehe in die Geschichtsbücher und lese, seit über drei Jahrhunderten werden Jesiden von Muslimen verfolgt, zum Religionswechsel gezwungen, ausgegrenzt und gepeinigt.
Aber darum geht es letztendlich nicht. Es geht darum, dass der junge Jeside sich um seinen Familie sorgt und nach ihr sehnt. Da verstehe ich unsere Bundesregierung nicht, die die Familie so in den Vordergrund der Gesellschaft rückt. Wie kann sie einem jungen Ehemann und Vater so quälen und ihm seine Familie vorenthalten. Da kommt mir dieses ganze hohe Lied auf die Familie wie eine schmierige Lügengeschichte vor, in der es nicht um Menschen geht, sondern um dahergeplärrte Floskeln, die der Stabilisierung der eignen Macht dienen.  Ich beginne die Menschen zu verstehen, die der etablierten Politik misstrauen.
Immer noch führen Parteien ein C im Namen, und das heißt auch anzuerkennen, dass Jesus Christus gesagt hat:


Kommt her, ihr Gesegneten. Ererbt das Reich Gottes, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. ... Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Und zu den anderen wird er sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. ... Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. ...Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan!“


Wie gut, dass meine jungen Schauspielerinnen und Schauspieler zu Oma und Opa, zu Tante und Onkel reisen dürfen.

 

 

Gespräch mit einem Atheisten 1

Auf einem Geburtstagsbesuch spricht mich einer der Gäste an und fragt mich mit einem gewissen Schalk im Auge: „Herr Pfarrer, glauben sie eigentlich an ein Leben nach dem Tod?“ und gibt sich gleich die Antwort selbst: „Sie müssen ja!“

Nach einem Augenblick des Schweigens frage ich zurück: „Und Sie, glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?“

„Nein, Herr Pfarrer, an ein Leben nach dem Tod glaube ich gewiss nicht. Ich glaube, was ich sehe!“ Damit meint er, für ihn existiert nur das, was seine 5 Sinne wahrnehmen können. Und dann schiebt mein Gesprächspartner nach: „Nach den Tod ist nichts! So hart das in unseren Ohren klingen mag. Aber daran müssen wir uns gewöhnen: Nach dem Tod kommt nichts mehr!“

„Da, er sagt es schon wieder!“, denke ich und frage ihn: „Was meinen sie jetzt genau mit nichts?“

„Da ist es dunkel, ganz dunkel, einfach schwarz!“

„Nicht blau oder gar rot? Einfach schwarz?“, frage ich nach.

„Ja!“ sagt er im Brustton seiner Überzeugung.

„Aha!“ sage ich. „Dann ist das Nichts nicht wirklich nichts, sondern etwas Schwarzes!
Aber wenn das Nichts schwarz wäre, dann wäre es ja etwas und nicht nichts!

„Herr Pfarrer, das ist jetzt Wortklauberei ,was sie da mit mir machen! Nichts ist Nichts!“

„Vielleicht ist das so, aber ich bin nur davon überzeugt, dass wir uns Nichts nicht vorstellen können, so wenig Sie sich vielleicht ein Leben nach dem Tod vorstellen können. Das allerdings würde uns wieder zusammenbringen. Beide sprechen wir anscheinenden von etwas, von dem wir nicht wirklich sagen können, wie es ist! Deshalb sage ich ja auch, dass ich ans Leben nach dem Tod glaube! Ich glaube daran! Wie es sein wird, da lasse ich mich überraschen. Wenn Sie glauben, dass da nichts, ein Nichts ist, ist das in Ordnung, auch das kann man glauben. Allerdings ist dieser Glaube nicht mehr und nicht weniger wert als mein Glaube. Allerdings, darf ich das bemerken, finde ich Ihren Glauben ziemlich trostlos. Da glaube ich dann doch lieber ans ewige Leben!“

Der barmherzige Samariter!

Auf der Bank sitzt ein junger Mann. Er hält sein Portemonnaie in den Händen und zählt sein Geld. Ein paar Münzen gleiten ihm durch die Hände, zwei Zehner hat er zwischen Mittelfinger und Zeigefinger geklemmt. Sorgenfalten legen sich auf seine Stirn. Jetzt lässt er die Scheine in die dafür vorgesehenen Fächer verschwinden, und das Kleingeld kommt ebenso an seinen Platz. Er will das Portemonnaie in seiner Hosentasche verstauen. In diesem Augenblick kommt ein anderer junger Mann gelaufen, reißt ihm das Portemonnaie aus der Hand und läuft davon. Nach ein paar Metern dreht es sich um und sieht nach, ob der Bestohlene ihm folgt.
Der springt gerade nach ein paar Schrecksekunden auf, um die Verfolgung aufzunehmen. Der Dieb hat einen gehörigen Vorsprung. Nach ein paar weiteren Metern sieht der Dieb sich noch einmal um, um einzuschätzen, ob der Verfolger ihn einholen kann. So läuft er ein paar Schritte ohne nach vorne zu sehen.
Der Verfolger ruft ununterbrochen: „Haltet den Dieb.“ Der Dieb übersieht in diesem Augenblick einen Stock, den eine ältere Frau, die den Ruf des Bestohlenen gehört hat, ihm zwischen die Beine wirft.

Der Dieb stürzt und schlägt mit dem Kopf an der Bordsteinkante auf.
Er blutet und ist bewusstlos. Der Bestohlene erreicht den Dieb, beugt sich nieder und nimmt sein Portemonnaie. Er steckt es in die Tasche, bedankt sich bei der älteren Frau und geht seines Weges. Die alte Dame nimmt ihren Stock und geht in die andere Richtung davon.
Die wenigen Menschen, die Zeugen dieses Vorfalls gewesen sind, schütteln den Kopf. Einer sagt: „Recht geschieht ‘s ihm!“

Dann ist die Straße leer. Jeder hat noch die eine oder andere Besorgung zu machen.
Als irgendeiner nach etwa 20 Minuten den Rettungsdienst ruft, ist es zu spät. Der Dieb kann nicht mehr gerettet werden. Er verstirbt im Krankenhaus.

  In dieser Gegend leben keine Samariter. Samarien ist etwa 4165 km entfernt. Zu weit weg, als das man hoffen könnte, ein barmherziger Samariter käme vorbei, der nicht danach fragt, was das für ein Mensch sei, der da in seinem Blut liegt. Samarien ist zu weit weg, als das es gut werden könnte, so gut, dass selbst einem Dieb das Leben gerettet wird. Wir sollten überlegen, wirklich überlegen, ob es dem Dieb da recht geschehen ist. Oder ob es besser werden könnte, wenn wir auf diese Gerechtigkeit verzichten könnte, die Menschen sagen lässt: „Recht geschieht ‘s ihm!“ und stattdessen gnädig sind.

Ich war krank. Ziemlich lange und schmerzvoll. Deswegen mussten sie 7 Wochen ein und die selbe Andacht lesen. Drei Wochen war ich in Urlaub und 4 Wochen krank. Eigentlich hat das mit der Krankheit im Urlaub schon angefangen. Solange krank zu sein geht nicht nur an die körperlichen Kräfte, sondern auch auf das Gemüt.

So geht es nicht nur dem Körper sondern auch der Seele schlecht. Was mir da gut getan hat war, dass Menschen mir per Telefon, Whats-App und vor allem bei Besuchen „Gute Besserung!“ gewünscht haben. Es hat gut getan zu spüren: Wie es mir geht, ist anderen nicht gleichgültig! Hinzu kam, dass Menschen aus der Gemeinde, Kirchenvorsteher, Mitarbeiter und Kollegen aus den Nachbargemeinden Arbeiten, die ich nicht leisten konnte, ohne große Worte und Umstände und ganz selbstverständlich übernommen haben.

Diese Erfahrungen haben dann meiner Seele wieder gut getan und dabei geholfen, wieder gesund zu werden. Davon lebt ja unsere Seele, dass wir gut und einträchtig mit unseren Mitmenschen zusammen leben, dass wir uns zur Seite stehen, wenn wir die Hilfe des anderen brauchen. Davon können wir im Matthäusevangelium lesen.

Einst fragte ein Pharisäer Jesus:
Meister, welches ist das höchste Gebot im Gesetz?
Jesus aber sprach zu ihm: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt“
Dies ist das höchste und erste Gebot.
Das andere aber ist dem gleich: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“
In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Das Schöne ist, bei allen Grausamkeiten, bei aller Gleichgültigkeit und allen Gemeinheiten, zu denen wir Menschen fähig sind, wir können auch anders. Wir können das Gebot der Nächstenliebe leben. Ich habe das in den letzten Wochen erfahren, und das tut gut und dafür bin ich sehr dankbar.

 

 

Urlaub

geh' im Urwald für mich hin...
Wie schön, dass ich im Urwald bin:
man kann hier noch so lange wandern,
ein Urbaum steht neben dem andern.
Und an den Bäumen, Blatt für Blatt,
hängt Urlaub.
Schön, dass man ihn hat!

Heinz Ehrhardt

Diesmal kein Bibelvers zu Beginn, sondern 7 Zeilen von dem Komiker Heinz Erhardt. Ein ziemlicher Kalauer, denn Urlaub hat nun mal mit Laub, auch wenn es von Urwaldbäumen fällt, wenig zu tun. Vielleicht hatte Heinz Ehrhard neben der Lust an jenem Wortspiel, noch einen anderen Gedanken beim Verfassen jenes Gedichtes gehabt.
So unsinnig dieses Gedicht ist, so unsinnig kann die Sache mit dem Urlaub selbst sein.

Im Augenblick lechzt ja die halbe Arbeitswelt nach Urlaub: „Wann ist endlich Urlaub? Wann kann ich endlich heraus aus der Tretmühle? Wann kann ich endlich tun, was ich tun will?“
Urlaub, zwei Wochen oder drei im Jahr in denen man dem Alltag entfliehen kann, um endlich einmal Mensch zu sein.
Eigentlich eine seltsame Vorstellung.

Müsste es uns nicht gelingen immer ganz Mensch zu sein?
Müsste es nicht selbstverständlich sein, dass kein Mensch fremd bestimmt ist, sondern immer selbstbestimmt.
Das heißt nicht, dass jeder nur das macht, was Spaß macht. Darum geht es nicht. Es geht darum, dass jeder Mensch in dem was er tut zumindest mitbestimmen darf, wie er es tut und wo die Grenzen seines Tuns sind.
Davon sind wir in unserem Alltag weit entfernt, wenn wir mit solcher Sehnsucht nach Urlaub lechzen.
Es muss uns gelingen den Alltag anders zu organisieren. Wir brauchen einen Alltag, in dem wir nicht Getriebene sind, sondern in dem wir Herr unseres Lebens bleiben.

Jesus spricht davon in einem beim ersten Lesen fremd klingenden Text, da heißt es:

Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie.

Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?

Und warum sorgt ihr euch um die Kleidung? Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht.

Ich sage euch, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.

Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird: Sollte er das nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?

Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?

Nach dem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft.

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles andere zufallen.

Die Alltagssorgen machen uns das Leben schwer. Jesus sagt: Im Leben geht es um etwas anderes -  ss geht um das, was das Reich Gottes ausmacht.

Und darüber heißt es an andere Stelle: Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude. Und ergänzen könnten wir noch Liebe und Gemeinschaft.

Dort, wo wir lieben, mit anderen gut zusammen leben, gerecht sind und Frieden schaffen, wo wir mit anderen uns übers Leben freuen können, da ist wirkliches Leben.

Und dann braucht es nicht den Urlaub, um von 52 Wochen Mal gerade 3 oder vier richtig zu Leben. Dann leben wir immer richtig. Und Urlaub ist etwas, was uns Gottes Schöpfung ganz genießen lässt.

 

 

Pfingsten

... λαλεῖν ἑτέραις γλώσσαις – so stehts in der Pfingstgeschichte
und heißt übersetzt: „zu sprechen in anderen Zungen“.

Ich habe den altgriechische Text hier abgedruckt, nicht um nachzuweisen, dass ich diese Sprache mal gelernt habe, sondern wegen eines Wortes, dass wir im Deutschen auch kennen λαλεῖν – in unserer Schrift etwa so geschrieben lalejn. Eigentlich heißt dieses Wort übersetzt nichts anderes wie sprechen. In unserer Sprache allerdings ist dank dieser Pfingstgeschichte daraus das Wort „lallen“ geworden.

Wir benutzen dieses Wort heute, wenn Menschen zu tief ins Glas geschaut haben und ihre Zungen im Mund sich verknoten und irgendwie nur noch ein unverständliches Stammeln, eben Lallen heraus kommt: „Un dnn möschich noch ssagn, dss iss jess bessonders wischisch: aalss wird guud aalss ...“ usw. usw.  Wer so redet, den nimmt man in der Regel nicht ernst.
Aber so ging es zu an Pfingsten. Wobei es sich hier nicht um übrig gebliebene Vatertagskumpanen handelte, sondern um die Jünger Jesu.
An Pfingsten wurde gelallt.

Fünfzig Tage lang hatten sich die Jünger versteckt, aus lauter Angst genauso zu enden wie ihr Herr und Meister Jesus Christus.
Nun aber sind sie in Bewegung gekommen. Der Pfingstgeist hatte das verursacht.

Das kennen wir auch, diese Augenblicke, diese Momente der Verzweiflung. Da ist nichts, nichts was sich lohnt zu leben, da ist nur Leere. Und Leere macht traurig, macht Angst, macht alles sinnlos. Diese Leere macht einen bewegungslos. So ist es den Jüngern in diesen 50 Tagen ergangen. Und jetzt hat sich diese dunkle, triste Leere angefüllt mit heiligem Geist.
Und dieser Geist holt sie heraus aus dem Versteck, lässt sie vielleicht tanzen, mindestens aber reden. Und zwar in allen Sprachen.
Alle verstehen sie, die um sie sind, die Juden, die Griechen und die Römer, jene aus Afrika, eben alle.

Die Menschen, die das nicht nachvollziehen konnten, wie es ist, wenn man auf einmal von Trauer, von Angst, von Verzweiflung befreit ist, haben damals gedacht: „Die sind doch irgendwie betrunken, die lallen doch nur.“

Ja sie haben das Glück nicht verstanden, dass der Heilige Geist in die Jünger gepflanzt hat: „Gott sei Dank, das Elend, die Angst und die Trauer, endlich sind sie vorbei!“
Und wenn man dann in einem solchen Glücksrausch ist, kommt man schon mal ins Lallen.
Der Heilige Geist ist eben ein Geist, der verkündet: „Gleich was geschieht! Gleich wie dunkel es ist in deinem Leben, alles, aber auch wirklich alles kann gut werden, Gott will das so. Gehe nur mutig voran. Traue dich!“

In einer Welt, in der die Ratio, die Vernunft, der Wirklichkeitssinn nur zählt, muss ein solches Reden, in dem Menschen davon träumen wie das Leben unter uns sein kann, wie das Lallen von Betrunken klingen.
(Die Zuschauer des Pfingstwunders werden am Ende der Pfingstgeschichte behaupten: „Die sind ja voll des süßen Weines!“)
Aber eine solche Reaktion macht nur deutlich wie diese Welt oftmals leer und sinnlos ist.

 

Ich möchte an Pfingsten mit den Aposteln vom guten Leben träumen, wie zum Beispiel Martin Luther King als er in den USA 1963 seinen Träume in ein Land voller Rassismus hinausrief:
„Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihrer Überzeugung ausleben wird: Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: Alle Menschen sind gleich erschaffen.
...

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt.“

Ich habe heute einen Traum!“


Welche Träume haben Sie?
Nur raus damit!
Lallen Sie sie in die Welt hinaus.

Und lassen Sie uns dann gemeinsam diese Träume Wirklichkeit werden.
Pfingsten ermuntert uns dazu.

Christi Himmelfahrt

Am 25. Mai ist Christi Himmelfahrt.
An Christi Himmelfahrt hat der auferstandene Christus endgültig die Erde verlassen. Zuvor ist er noch einige Male den Jüngern erschienen, nun aber ist das vorbei.
Er fährt zum Himmel auf!

Am 25. feiern wir Christi Himmelfahrt!
Hinter mir vernehme ich sonore Männerstimmen, die mit ein wenig schwerer Zunge bekennen: „Wir nicht: Wir feiern Vatertag!“
Dazu verlassen diese Männer wie auch Jesus Christus Gewohntes, ihr Zuhause. Dann irren sie mit Bollerwagen, beladen mit zunächst kühlem, dann immer wärmer werdendem Bier, mit Schnaps oder Wein über die Erde, dem Horizont und damit dem Himmel entgegen. Ich bin überzeugt, insgeheim suchen sie, wie der Christus damals, den Himmel. Allerdings kann keiner dieser Männer davon berichten, dass sie jemals den Horizont und damit den Himmel erreicht haben. Das hat schon die Menge des Alkohols verhindert. Und so haben sie einen Rausch bekommen, aber nicht den Himmel.
Und so kehren sie wieder um und schlafen ihren Rausch aus.
Das war es dann mit der Himmelfahrt.

Ab und zu müssen wir ja mal raus. Raus aus unserem Leben, aus unserem Alltag und mancher am liebsten aus seiner Haut. Manchmal haben wir so eine Sehnsucht in uns nach dem Himmel, so ein Brennen: „Ach, es wäre doch so schön, wenn es anders wäre! Ohne die maulende Frau zu Hause, ohne den stummen schlechtgelaunten Mann, ohne die Hetze, ohne dieses ewige „du musst“, „du sollst“. Ohne diese Tretmühle!

Männer ziehen in guter Himmelfahrtstradition mit dem Bollerwagen ins Feld für Stunden und betäuben sich. Sie vernebeln damit ihr Leben, das so wenig himmlisch ist.
Aber der Nebel verzieht und hinterlässt einen Kater. Das war es dann.

Jesus Christus ist da mit seiner Himmelfahrt endgültiger.
Er kommt nach diesem Datum nicht mehr zurück zur Erde und sagt damit:

 „Es geht. Es geht, du kannst die Niederungen des Lebens, diesen Trott, diese ganzen Belanglosigkeiten, das was dich nervt, was du eigentlich für dein Leben nicht wolltest, verlassen!
Du musst es wollen, nicht mit Bollerwagen und auch nicht, in dem du dich betäubst, nicht mit Halluzinogenen und Alkohol.
Der Himmel ist greifbar, du musst nur deinen Hintern hoch kriegen und sagen: „Jetzt nehme ich es in die Hand mein Leben. Alles wird anders sein!“

Und damit feiern wir an Himmelfahrt: Nichts muss so bleiben wie es ist. Gott macht uns Mut, unser Leben in die Hand zu nehmen, und es zu verändern, wenn wir es nicht mehr aushalten. Es geht!

Wir feiern Ostern.

Ostern ist das Fest der Auferstehung.

Jesus Christus wurde, drei Tage bevor er auferstanden ist, von den Römern als Aufrührer, als Volksaufhetzer am Kreuz  hingerichtet. Angezeigt wurde er von den führenden Priestern in Jerusalem.
Nun erzählt die Bibel, Jesus Christus sei nicht tot geblieben, sondern wieder lebendig geworden. Er hat sein Grab, in das man ihn gelegt hatte, verlassen und ist auferstanden von den Toten.

Weniger als ein Drittel der Deutschen glaubt an die Auferstehung, d.h. selbst Christen und Kirchenmitglieder zweifeln daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.
Wissenschaftliches Denken lässt eine vernünftige oder sagen wir besser, eine erklärbare und wissenschaftlich nachvollziehbare Begründung eines Lebens nach dem Tod nicht zu.  Die heutige Wissenschaft, so wie wir sie betreiben, ist aber die Grundlage dafür, Dinge, Ereignisse, Prozesse für richtig oder falsch, für vorhanden oder nicht vorhanden zu bezeichnen.
Die  Auferstehung können wir Christen auf dieser Grundlage nicht beweisen.
Es bleibt dem Christen nur das gläubige Bekenntnis: Christus ist auferstanden.

Dieses Problem hatten schon die ersten Christen.
Die Ostergeschichte ist so konstruiert, dass sie Zweifler davon überzeugen musste, dass der Gottessohn tatsächlich nicht in seinem Grab geblieben ist. So wird die Beerdigung von der Staatsmacht beaufsichtigt. Zudem versperrt ein schwerer Stein den Eingang des Grabes und Soldaten werden zur Bewachung der Beisetzungsstätte abgeordnet, damit keiner heimlich den toten Körper entfernen kann.

Wir wissen heute, diese Geschichte ist eine Geschichte, die so nicht stattgefunden hat. Wir können versuchen, was wir wollen, wir werden die Auferstehung von den Toten nicht beweisen können.
Lassen sie mich aber Folgendes zu bedenken geben. Ich will nicht die Auferstehung beweisen, an die ich glaube, sondern ich möchte den absoluten Glauben unserer Zeit an unsere Art und Weise, Wissenschaft zu betreiben, relativieren und darüber zum Nachdenken einladen, dass es noch mehr zwischen Himmel und Erde geben kann, als das, was wir für richtig und falsch halten.

Unendlichkeit. Für uns Menschen ist alles endlich. Das Leben vor allem, aber auch Wege und Räume. Zugleich wissen wir: Jenseits des Raumes, der uns umgrenzt, gibt es einen anderen Raum und dahinter wieder einen usw. Hinter unserem Universum muss es wieder etwas geben  und dahinter wieder etwas. Es gibt Unendlichkeit.

Zeit. Mit der Zeit ist es nicht anders. Unsere Zeit ist begrenzt. Wir werden geboren und Sterben. Selbst die ewig lebende Qualle Turritopsis dohrnii und die ewig lebenden Pilze leben nur dann ewig lange, wenn von außen keiner ihr Leben beendet. Wir sind uns sicher: Mit dem Urknall hat die Zeit angefangen - aber was war davor und was wird sein, wenn unsere Sonne verglüht und unsere Erde eine Episode ist?

Unsere Wissenschaft „rechnet“ mit der Begrenzung von Raum und Zeit. Was aber ist dann Unendlichkeit und Ewigkeit?
Wir Menschen begreifen sie nicht und können sie wissenschaftlich nur bedingt fassen, aber wir ahnen dennoch, dass es eine Ewigkeit und Unendlichkeit gibt.
Was aber heißt das fürs ewige Leben?

Frohe Ostern!

Umfrageergebnis

Eine Umfrage hat ergeben: Etwa 80% der Jugendlichen halten sich für etwas Besonderes.
Das ist erst einmal eine gute Meldung, verkünden wir doch in der Kirche:  Jeder Mensch ist ein einzigartiges Geschöpf Gottes.
Und schon ist mal wieder die deutsche Sprache so ungenau, dass es da zu Missverständnissen kommen kann. Einzigartig heißt einmal: „besonders“. Andererseits sagt einzigartig: Dieses Exemplar gibt es nur einmal. Damit handelt es sich um zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen ein und desselben Wortes.  Was es nur einmal gibt, muss nicht besonders sein, und was besonders ist, muss es nicht nur einmal geben.

Die Bibel meint, wenn sie davon spricht, dass jeder Mensch ein einzigartiges Geschöpf Gottes ist:  Jeden Menschen gibt es nur einmal. Und weil es ihn nur einmal gibt, ist jeder einzelne Mensch ein von Gott geliebtes Wesen, aber nicht unbedingt besonders.
Damit handelt es sich bei der Einschätzung Jugendlicher, etwas Besonders zu sein, um etwas anderes.

Gefördert von den Wünschen der Eltern, dass ihr Kind mal etwas ganz Besonders im Leben erreicht, träumen heute Jugendliche davon, einmal ganz oben zu stehen, im Beruf, in der Anerkennung durch andere, im Familienglück und manch anderem mehr.

Wir wissen, die Wirklichkeit sieht anders aus:
Nicht jeder wird ein Toppverdiener.
Nicht jeder jugendliche Kicker wird ein Weltstar und nicht jede junge Sängerin wird Adele.
Nicht jede Ehe feiert Goldene Hochzeit.
Und nicht jeder ist „everybodies friend“.
Leben gelingt und misslingt.

Leider verhalten wir uns allerdings im Augenblick nach diesem neuen Glaubensbekenntnis:
„Ich bin was Besonderes!“, oder „Mein Kind ist etwas Besonderes!“ (Vor allem tun das Eltern, die es besser wissen müssten, weil sie „nur“ normal geblieben sind. Aber vielleicht treiben sie deshalb ihre Kinder so an, weil sie das normale Leben als Enttäuschung erleben? Wer weiß). Dieser Glaube ans Besondere aber braucht kräftige Ellenbogen, braucht einen egozentrischen Blick aufs Leben und beim Scheitern aufwendige psychotherapeutische Behandlung.

Jeder Mensch ist ein einzigartiges Geschöpf, sagt dagegen: „Weil jeder einmalig ist, leben wir miteinander auf gleicher Augenhöhe. Da ragt keiner besonders heraus, und da fällt auch keiner ins Bodenlose: Wir sind eine Menschheit. Jeder hat da seine Fähigkeiten und jeder hat da seine Defizite und darf sie auch haben. Zusammen aber ergänzen wir uns und können damit die Defizite des anderen ausgleichen und erleben zugleich, dass unsere Defizite durch andere ausgeglichen werden.“

Hier gibt es kein oben und unten, sondern ein Miteinander.

In diesem Miteinander aber liegt die Chance, dass wir nicht mehr alleine unseres Glückes Schmied sein müssen und uns damit absolut überfordern.

Dazu noch eine andere Zahl zum Abschluss. Ein Arzt erzählt mir, dass 10 bis 15 Menschen pro Tag in seine Praxis kämen und ihn bitten würden, sie irgendwie doch mal krank zu schreiben, da sie einfach nicht mehr könnten. 

Kom·pro·miss

Substantiv [der]

eine von allen beteiligten Personen akzeptierte Lösung, zu der man durch gegenseitige Zugeständnisse gelangt.

Kompromisse sind nicht sehr beliebt. Sie riechen ein wenig nach Schwäche, also danach, dass ich mich mit meinen Vorstellungen, mit meiner Meinung, mit meinen Erkenntnissen nicht durchsetzen konnte. Es hat nicht gereicht! Meine Überzeugungskraft hat nicht gereicht, nicht meine Argumente, auch nicht mein Charisma, wie auch immer.

Ein Kompromiss ist eine Lösung, sicher, aber kein Sieg.

Das ist im Augenblick die so mehr oder weniger allgemeingültige Sichtweise auf Kompromisse. Ein Wort mit Beigeschmack, der zugleich ein Licht auf die gegenwärtige soziale Situation wirft.

Denn man könnte das mit dem Kompromiss auch so sehen:
Da setzen sich zwei oder drei an einen Tisch und teilen ihre Sichtweise zu einem bestimmten Thema mit. Sie hören sich zu und begreifen die Sichtweise des anderen ebenso als eine Möglichkeit, die Dinge zu sehen. „So kann man die Sache auch sehen!" Da wird Sichtweise des anderen zu einer Erweiterung meiner Sichtweise. Und der andere erlebt meine Art und Weise, die Dinge zu sehen, ebenso als eine Bereicherung. Daraus kann nun ein Neues entstehen, eine dritte oder vierte Möglichkeit.

Kompromiss als das Ergebnis eines kreativen, meine Grenzen überschreitenden Prozesses im Austausch mit dem Mitmenschen. Mit ihm, dem Kompromiss, kommt etwas Neues in die Welt, was nur deshalb in die Welt kommen kann, weil zwei oder drei bereit waren, ihre begrenzte Sicht hinter sich zu lassen.

Gewiss, es tut weh, wenn ich meine Sicht, meine Meinung, meine Erkenntnis begraben muss. Und wenn mir der Glaube fehlt, dass aus etwas Totem etwas Neues auferstehen kann, werde ich Kompromisse meiden.

Aber wenn ich daran glaube, dass es eine Auferstehung gibt, wenn ich mir sicher bin, jenseits meiner engen Grenzen ist nicht Nichts; dann hat der Kompromiss den Geschmack des Himmels.

In der Neujahrsnacht

In der Neujahrsnacht bemerkte ein Freund: „Na, das neue Jahr kann ja nur besser werden als 2016!“ Und dann zählt er auf, was nach seiner Ansicht das alte Jahr so schlecht dastehen lässt: Trump, AfD, Erdogan, Aleppo, Islamisten und all die anderen Katastrophen, die das vergangene Jahr bestimmt haben.

Und gleich habe ich mich gefragt: „Und wer macht das Jahr 2017 besser?“ Mein Freund hat ja nur ganz allgemein gesprochen: „Das kann ja nur besser werden!“ Aber es muss ja jemanden geben, der es besser macht, schließlich gab es ja auch diejenigen,  die 2016 so verhunzt haben. Ist er davon überzeugt, dass die AfD sich eines Besseren besinnt, Trump eine Erleuchtung bekommt, Bomben nicht mehr zünden, Terroristen die Menschlichkeit entdecken, Erdogan bitterlich bereut? Ich verlasse mich darauf nicht.

Ich glaube, 2017 hat dann eine Chance besser zu werden, wenn jeder einzelne Menschen bereit ist, dieses Jahr aktiv mitzugestalten z.B. im Sinne der Seligpreisungen Jesu: „Selig gut dran sind die, die auf Gewalt verzichten, die Barmherzigen, die Friedensstifter, die, die Gerechtigkeit üben, denn sie werden die Fülle des Lebens spüren und erfahren.“ Nicht irgendjemand ist für unser Glück verantwortlich, wir sind es, sagt Jesus Christus. Und er ist davon überzeugt, dass wir es können, besser machen können, gut machen können.
Wir können sanftmütig sein und müssen nicht andere niederbrüllen. Wir wissen längst alle, wie Frieden geht und wie wir uns gerecht verhalten. Ebenso haben wir die Fähigkeit barmherzig zu sein.

Wenn das so ist, dann heißt der Satz für 2017: Na, das können wir in diesem neuen Jahr auch besser hinkriegen als im letzten Jahr.  

Es ist unerträglich

Es ist unerträglich, dass Menschen, die über Weihnachtsmärkte schlendern, die mit ihren Kindern über den Lichterglanz staunen, die sich mit Freunden bei Glühwein auf die kommende stille Zeit freuen, Opfer von kranken, fanatischen, bis in die letzte Faser verrohten Menschen werden.

Es ist unerträglich, weil dieses Attentat in Berlin wie jenes in Nizza oder Paris oder Kabul oder ... zeigt, wie krank der Mensch werden kann und manchmal ist, wie elend und unmenschlich er sich immer wieder gebärdet.

In diesen Tagen um Weihnachten schreit die Welt nach Heilung, nach Heilung von Fanatismus, Gewalt, Kälte, Ohnmacht und Gleichgültigkeit, nach Heilung von selbsternannten Erlösern, Machthabern, starken Männern und Despoten.

Die Geburt, die wir an Weihnachten feiern, will alle Jahre wieder der Anfang dieser Heilung sein, will die Geburtsstunde eines neuen menschlichen Geistes unter uns sein - eine neue Menschlichkeit, in der Versöhnung möglich, Friede spürbar, Gerechtigkeit gelebt wird und Barmherzigkeit an der Tagesordnung ist.

Dieses neue Leben will wachsen. Dieses kleine Kind will zur neuen Menschlichkeit heranwachsen.
Das kann gelingen, wenn wir dieses neue Leben, wenn wir Frieden, Gerechtigkeit, Versöhnung und Barmherzigkeit leben.
Ab jetzt.
Und wenn wir auf den alten Menschen in uns verzichten, ihn sterben lassen und begraben, damit ein neues Leben wachsen, in uns wachsen kann.

Es gibt keine andere Möglichkeit.

Gewalt lässt sich eben nicht mit Gewalt besiegen, das lehrt uns die Geschichte. Gewalt bringt immer nur neue Gewalt hervor.

Deshalb ist Gott nicht als König, nicht als Krieger, als Herr über die Menschen zu uns gekommen, sondern als Kind. Lange genug hat er es als der starke Mann versucht, es ist ihm nicht gelungen, etwas zu ändern. Nun ist er zu uns in einem Kind gekommen. Als schwaches, friedliches, für alles noch offenes Kind, das Liebe braucht und nichts weiß von schlagenden Fäusten, von Misstrauen ...
Nun sind wir es, die dieses Kind in den Armen halten und am Leben erhalten. Das ist der Plan Gottes. Und dieser Plan fordert von uns, unser Leben neu zu überdenken und neu werden zu lassen; es in anderer Weise zu leben, wie wir es jetzt leben.
Ein Leben, das mit dem Kind an Weihnachten anders umgeht wie in all den Jahren zuvor.

Astrid Lindgren hat in ihrer Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels etwas dazu gesagt, wie wir mit Kindern umgehen sollen, mit ganz leibhaftigen Kindern.

Aber was für leibhaftige Kinder gilt, gilt auch für dieses neue Leben, das da geboren wird an Weihnachten.

Astrid Lindgren schreibt:


„Ob ein Kind zu einem warmherzigen, offenen und vertrauensvollen Menschen mit Sinn für das Gemeinwohl heranwächst oder aber zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen Menschen, das entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem, ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder aber dies nicht tun.
Ein Kind, das von seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese Grundeinstellung sein Leben lang. Und das ist auch dann gut, wenn das Kind später nicht zu denen gehört, die das Schicksal der Welt lenken. Sollte das Kind aber wider Erwarten eines Tages doch zu diesen Mächtigen gehören, dann ist es für uns alle ein Glück, wenn seinen Grundhaltung durch Liebe geprägt worden ist und nicht durch Gewalt. Auch künftige Staatsmänner und Politiker werden zu Charakteren geformt, noch bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben - das ist erschreckend, aber es ist wahr.“


Was für das einzelne Kind gilt, was für den einzelnen Menschen gilt, gilt auch für das neue gesunde Leben, das wir so dringend brauchen.
Keine Gewalt.

Keine Antwort auf Gewalt mit Gewalt.

Sondern ein warmherziger, offener, liebevoller Umgang mit unserem Leben und dem Leben der Nächsten und der Fremden. Sonst wird all die Gewalt kein Ende haben.

In diesem Sinne wünsche ich ihnen nun ein gutes und gesegnetes Weihnachtsfest

Ihr Werner Giesler

Unser Pfarrer predigt immer so grauslich.

Wirklich! Von der Kanzel schmettert er uns, dem Kirchenvolk, entgegen, was alles so schlimm ist auf der Welt. Da lässt er nichts aus, auch mich nicht. – Warum sollte er mich auch auslassen, schließlich gehöre ich ja in diese Welt! - Und jetzt vor Weihnachten gibt er noch mal besonders Gas. So, als ob er sich zum Endspurt auf Weihnachten hin besonders ins Zeug legen müsste, damit ja keiner auf die Idee kommt, genüsslich mit einem Cognac unterm Weihnachtsbaum zu sitzen, alles um sich herum zu vergessen und friedlich dabei mit anderen „O du fröhlich ...“ brummt.

„Nichts da!“, schmettert unser Pfarrer uns entgegen: „Es gibt keinen Grund! Angesichts der Lage ... und überhaupt und weil Putin, Erdogan, Trump ... !“ Und dann zerrt er sie alle vor, die Bösen und die weniger Bösen und die, die der Herr Pfarrer für die Bösen hält auf dieser Welt einschließlich Herrn Seehofer; wobei man gar nicht so genau weiß, was er gegen ihn hat, ... vielleicht weil der Bayernfan ist oder katholisch und er das alles nicht.

Und dann verteilt er Watschen, als ob er das himmlische Gericht selbst wäre. Da braucht der liebe Gott kein Strafgericht mehr zu halten, kann ich ihnen sagen!

Aber Herrschaftszeiten noch einmal - ich möchte nicht, wenn ich sonntags in die Kirche gehe, diesem ganzen Gruselkabinett, das da draußen tobt, wieder begegnen.

Lieber Herr Pfarrer, ich weiß! Ich weiß, wie es bestellt ist um diese Welt.
Ich lese Zeitung, sehe fern, ich habe eine Schwiegermutter und bin selbst nicht ganz einfach.

Kannst du mir nicht etwas darüber erzählen wie Frieden geht, wie Versöhnung funktioniert ... ich wäre dir dankbar, wenn du da mit mir ins Gespräch kommst.

Und jetzt, wo wir auf Weihnachten zugehen, du und ich - das ist sicherlich damals ein elend langer und steiniger Weg für die Schwangere und ihren Joseph gewesen - lass uns ganz gemütlich im Stall auch ankommen. Auch wenn es nur ein Stall ist. Ich glaube ein Stall ist nicht der schlechteste Ort, an dem man ankommen kann. Der Ochse zeigte Anteilnahme und der Esel schaute gütig drein. Die Hirten brachten Milch und Speck mit zum Festtag und ein warmes Fell für die Kindsmutter. Engel saßen im Gebälk und sangen. Vielleicht noch nicht: „Oh du fröhliche!“, aber ähnliches. Jedenfalls etwas,  was das Herz erwärmte. Und obwohl da weithin Herodes, die Besatzer und die Armut ihr Unwesen trieben, war da in diesem Stall trotzdem Idylle, Ruhe und Frieden.
Das reicht doch erst mal! Mir reicht es! Mir reicht es, da eine Ahnung zu kriegen, wie es sein könnte, und dann sehen wir mal weiter nach den Festtagen.

Weihnachten kann doch auch schön sein, les ich in der Weihnachtsgeschichte.
Mit freundlichen Grüßen Ihr Werner Giesler

Ach ja, ab und zu wohnen da zwei Seelen auch in meiner Brust.

Beides tut zur Weihnacht Not, der Hinweis, dass das Leben auf dieser Erde manchmal dem Leben in einem schiefen, zugigen und ungemütlichen Stall gleicht und dann wieder eben die Romantik braucht, die wir mit einem Stall mit duftendem, weichen und warmen Heu und Stroh verbinden.

Beides lasst uns zu Weihnachten nicht vergessen.

Donald Trump ist gewählt

Die Welt hat sich erschreckt. Angst geht um. Das höre ich im Radio, das lese ich in den Zeitungen. Und in den Kommentaren zur Wahl ist ausgemacht, wer uns den Schrecken eingejagt hat: die Dummen, die Ungebildeten, das einfache Volk. In einem Kommentar las ich, dass jene, die ihn, den Kommentator, während einer USA-Reise, gefragt hätten, ob er aus Deutschland mit dem Bus oder der Bahn gekommen sei, Trump gewählt hätten.

Die Dummen, die Ungebildeten, das Prekariat wählen in den USA, in der Türkei, in Russland, in Deutschland die Populisten von Trump bis zur AfD. Die Urteile sind gefällt. Sie waren schon immer gefällt. Getreten hat man zu Adelszeiten nach unten, und heute tritt man weiter nach unten, da hat sich nichts geändert.

Ich bin in einem Mietshaus groß geworden. Über uns wohnte eine Beamtenwitwe, eher ein schwieriger Mensch und oben unter dem Dach eine Näherin, eine Prachtfrau, meine Tante S. Ich habe sie geliebt. Sie war zärtlich,  konnte trösten, wenn mir etwas weh tat, kannte die schönsten Geschichten und bereitete mir, wann immer ich darum bat, heißen Schokoladenpudding. Ob sie wusste, mit welchem Fahrzeug man in die USA fuhr? Jedenfalls wusste sie nicht, wo Kambodscha lag - das hatte sie mal gestanden. Es war auch nie wichtig. Ihr fehlte es vielleicht an Bildung, aber dumm war sie gewiss nicht, und sie hatte Herzensbildung. Ich nehme an, da hatte sie eine Professur drin.

Was im Augenblick diesen Gaunern und Betrügern wie Trump, AfD usw. die Wähler zuführt, ist diese fürchterliche Arroganz, die einige Politiker, manche Kommentatoren, Gebildete an den Tag legen, gegenüber dem Volk.

Schon längst gilt nicht mehr: alle Menschen sind gleich.

Alle Menschen sind Kinder Gottes und damit mit Würde und Achtung zu begegnen, gleich welche Bildung, welche Kenntnis sie über die Welt haben.

Wer verhindern will, dass uns Menschen wie Trump regieren, der muss Menschen mit Achtung begegnen, sich tatsächlich für deren Ängste und Nöte interessieren, auch wenn vielleicht darunter Irrtümer sind wie Bahnreisen in die USA.

Ich besuche eine Sterbende

50 Jahre ist sie alt - erst fünfzig. Sie hat anfragen lassen, ob ich sie, obwohl sie katholisch sei, beerdige, wenn sie in nun absehbarer Zeit den letzten Atemzug getan hat.

Ich besuche sie auf der Palliativstation. Immer noch schlägt mir mein Herz bis zum Hals - immer noch, nach mehr als dreißig Jahren. obwohl ich doch so oft schon Sterbende besucht habe. Immer noch fällt es mir nicht leicht.

Was wird mich erwarten? Werde ich die richtigen - nicht die richtigen, die gibt es nicht - die passende Worte finden?

Ich öffne das Zimmer. Die Frau, gezeichnet von der Krankheit, liegt im Bett. Schmerzmittel fließen durch Schläuche, Sauerstoff wird in die Nase eingeführt.

Sie lächelt!

Ich frage: „Wie geht es heute?“ „Heute nicht so gut! Die Luft ist zu schwer. Und es juckt überall! Aber besser, viel besser als mit dieser verdammten Chemo. Ich will das Malzbier genießen!“ Sie trinkt einen Schluck. „Lecker!“

Und dann erzählt sie. Sie erzählt, dass sie die Chemo abgesetzt hat. Ganz bewusst, wissend, dass damit ihr Leben nur noch eine kurze Spanne hat. Sie will diese wenigen Tage, die ihr nun bleiben werden, genießen. Sie will den Geschmack des Malzbieres, die Berührungen ihrer Kinder und ihres Mannes spüren können und genießen - und die Besuche. Über WhatsApp hatte sie alle eingeladen: die Arbeitskollegen, die Freunde, den Chorleiter, den kompletten Sopran, ihre Eltern.

Nicht alle sind gekommen und nicht alle werden kommen, weil sie dem Tod nicht ins Gesicht sehen können. Sie versteht das. Auch sie hat eine Zeit gebraucht, um das zu können „Aber das macht nichts, sie schreiben mir!“ erzählt sie und in ihren Augen flackert Glück. „Ich lebe noch“, sagt sie zwischendrin, „und es tut gut zu spüren, jeder Augenblick!“ „Ich lebe“, sagt sie noch einmal, „weil die Chemo mich nicht mehr vernebeln kann! Ich lebe, weil sie alle da sind, und ich bei ihnen sein kann.“ Und meint die vielen Besucher.

Sie genießt das Ständchen des Soprans, die Anekdoten, die der Chef zu erzählen weiß, die Erinnerungen an die glücklichen Momente, als sie mit Freunden im Garten saß und mit Aperol Spritz zuprostete. Sie fährt noch einmal in ihren Gedanken durch die USA und reißt mich mit.

Da liegt keine Sterbende mehr.

Da ist jetzt die Weltenbummlerin, die Sängerin, die taffe Mitarbeiterin, die liebende Mutter, die Ehefrau, die Nachbarin, die kritische Tochter, ein Mensch.
Keine Sterbende.
Wir lachen zwischendrin. Und sagen Prost, wenn sie einen Schluck aus dem Becher mit jenem hervorragenden Malzbier nimmt.

Da fällt mir jenes Bibelwort ein: „Keiner lebt für sich allein!“ Ja doch, ja, sie dort im Bett ganz bestimmt nicht! Sie lebt diese Tage, diese kurze Zeit nicht allein. Sie lebt durch die Menschen, die sie besuchen, mit ihr lachen, mit ihr weinen, ihr zuprosten, Geschichten erzählen, Lieder singen.

Und je länger ich da sitze, spüre ich, wie ich durch sie lebe. Eben noch traurig mit Herzklopfen vor der Tür gestanden, tief drinnen in mir die Angst, irgendwann in eine gleichen oder ähnliche Situation gestoßen zu werden, sitze ich da und lache, erzähle, fühle mich geborgen und ganz sicher bei ihr. Der Tod, der sich in dieses Zimmer eingenistet hat, ist nur noch lächerlich, ein lächerliches Etwas. Sie hat das für mich gelebt.

Und dann spüre ich es, ganz deutlich, ohne Frage. Nein, ich vermute es nicht einmal, sondern ich weiß es: da hockt Gott in einer Ecke, in diesem Sterbezimmer, sitzt da ganz ruhig in der Ecke, wohl hinter mir. Ich brauche mich nicht umdrehen, ich weiß es. Er ist da, er muss da sein. Ich spüre mit ihr, der Sterbenden: er ist da beim Zuprosten mit Malzbier, beim Lachen, in den Tränen und weil er da ist, ist der Tod so lächerlich geworden, eigentlich schon gar nicht mehr da.
In diesem Zimmer wächst die Ewigkeit.

Lebe ich so lebe ich dem Herrn, sterbe ich so, sterbe ich dem Herrn.

Hier ist das eine Tatsache.


Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Kennen Sie noch dieses alte Kinderspiel? Auf der einen Seite des Spielfeldes steht der schwarze Mann, auf der anderen Seite stehen eine Reihe von Mitspielerinnen und Mitspieler. Das Spiel beginnt, und der schwarze Mann fragt: „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ Die Gruppe antwortet: „Niemand!“ Und der schwarze Mann fragt darauf hin: „Und wenn er kommt?“ „Dann laufen wir!“ antwortet die andere Seite und läuft los, meist lustvoll schreiend. Der schwarze Mann versucht dann so viele wie möglich zu berühren bevor die Mitspieler die gegenüberliegende Linie überschritten haben. Alle Berührten werden zu schwarzen Männern, und das Spiel beginnt von vorne.

Ursprünglich symbolisierte der schwarze Mann in diesem alten Spiel die Pest, die versucht Menschen anzustecken. Das Spiel spielt mit der Angst auf eine unterhaltsame Art und macht dabei zugleich deutlich, wie Menschen sich der Angst stellen. Solange die Gefahr noch weit weg ist, hat keiner Angst, aber wenn sie kommt, flieht man vor dem, was die Angst auslöst.

Heute ist Angst wieder ein großes Thema in unserem Land. Vor ein paar Wochen habe ich Konfirmanden gefragt: „Wer von euch hat Angst?“ Und zu meinem Erstaunen haben sich alle gemeldet. Auf meine Frage: „Wovor habt ihr Angst?“, antworteten alle Übereinstimmend: „Vor Krieg und Terroranschlägen.“ Diese Angst ist tückisch. Auf die Pest oder andere Epidemien, die Menschen bedrohen, kann man reagieren, in dem man wie im Kinderspiel wegläuft oder sich schützt. Vor möglichem Terror kann ich nicht weglaufen. Er kann immer und überall ausbrechen, d.h. diese Angst ist somit permanent und zugleich diffus.

Das Spiel vom Schwarzen Mann lehrt die Kinder Angst gehört zum Leben. Angst hilft uns auf Bedrohungen zu reagieren. Von daher ist Angst nützlich, bewahrt sie uns doch vor Schaden, ja vor Tod. Aber wenn die Angst immer da ist, weil nicht auszumachen ist, woher die Bedrohung kommt und wann sie vorbei ist, dann kehrt sie sich in eine zerstörerische Kraft um wie es im Augenblick zu beobachten ist.

Um der Angst Herr zu werden versuchen die Menschen heute  die Bedrohung zu lokalisieren, auszumachen. Deshalb sagen sie: „Flüchtlinge bedrohen uns, der Islam bedroht uns!“ Sie glauben, wenn wir den Flüchtlingsstrom stoppen, wenn wir den Islam aus unserem Land verbannen, sei die Gefahr, die nicht zu lokalisieren ist, gebannt.

Wir wissen, dass das nicht stimmt.

Aber erst einmal gibt uns dieser Versuch, die  Angst nicht mehr diffus sein zu lassen, das Gefühl, wir kennen die Ursache der Angst. Und wer die Ursache kennt, kann damit der Bedrohung und der Angst begegnen. Dass dahinter ein hilfloser Versuch im Umgang mit der Angst steht, macht deutlich, dass die Angst dort am größten ist, wo Islam und Flüchtlingen kaum oder gar nicht vorkommen. Dennoch gilt es zugleich, diese diffuse Angst ernst zu nehmen, bevor sie krankhaft wird.

Im Augenblick weiß wohl keiner so recht wie man dieser Angst begegnet, und es wäre von mir vermessen zu behaupten, ich hätte eine Antwort darauf oder aus der Bibel könnte man eine passende Antwort herauslesen.

Für mich gilt folgende Überlegung, die ich für mich in der Bergpredigt entdecke. Dort sagt Jesus: „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen!“ D.h. in der gegenwärtigen Situation, jenen, die ich als meine Feinde empfinde, zu begegnen, und zwar nicht mit Gewalt und Ausgrenzung, sondern eben friedlich. Konkret heißt das, es so zu machen wie es in Angsttherapien geschieht:
Der Ursache meiner Angst begegnen und mich mit ihr Auseinandersetzen. Vor Spinnen nicht weglaufen, sondern sich ihnen nähern, um zu entdecken, dass sie harmlos sind. Und wenn ich den Islam und die Flüchtlinge als Ursache meiner Angst ausmache, sie als Feinde empfinde, gilt auch, den friedlichen Kontakt mit ihnen zu suchen. Darin liegt zumindest eine Chance, die Angst kleiner zu machen.

Übrigens habe ich hier in Karben immer wieder ganz tolle und herzliche Begegnungen mit Flüchtlingen, mit dem Marokkanisch Deutschen Kulturverein, mit der türkischen Ditib und Ahmadiyya Gemeinde Karben, zuletzt beim Interreligiösen Gebet am 1. Oktober, die mir die Angst nehmen.

Es wird nicht die Lösung sein, aber vielleicht ein Anfang, die Angst zu überwinden.

"Wesentlich ist"

„Wesentlich ist“, sagt die CSU, „die christlich-abendländische Kultur für unser Leben in unserem Land!“ Und weil diese Kultur wesentlich ist, möchte die CSU sie als Leitkultur in der bayrischen Verfassung aufnehmen. 

Bravo, das gefällt mir! 

Es gefällt mir als Pfarrer, wenn Menschen die christliche Kultur für wesentlich halten und davon überzeugt sind, dass diese Kultur unser Leben nicht nur in Bayern, sondern in der ganzen Bundesrepublik bestimmen sollte.

Wesentlich in dieser christlichen Kultur ist der Satz Jesu: „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder (und natürlich auch Schwestern), das habt ihr mir getan!“
Mit einem einzigen Satz beschreibt Jesus, was im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht: „Den schwachen, den armen, eben den notleidenden Geschwistern zur Seite zu stehen! Damit ehren wir Gott und ermöglichen ein gutes Leben, das Gott für die Menschen will."

Mit Brüdern und Schwestern sind nicht nur die Familienangehörigen gemeint oder Volksgenossen, sondern alle Mitmenschen. 

Jesus macht das an vielen Stellen klar, manchmal sogar recht schroff. Als seine Mutter und Brüder ihn bitten nach Hause zu kommen, antwortet er ihnen: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder ... ?!“ und macht anschließend sehr deutlich, nicht  seine Mutter und Brüder allein, sondern alle Menschen, die sich um ihn versammeln.

Allen Menschen gilt es zu helfen, wenn sie in Not sind, das macht christliches Handeln aus. Ein solches Handeln kennzeichnet die christliche Kultur.
Und da kann die Liste der Empfänger dieser Hilfe schon mal lang werden. Auf dieser Liste stehen die Kinder, die wir in die Welt setzen und großziehen, wie auch die Nachbarin, die nicht mehr selbst einkaufen kann, wie auch den Flüchtling, der sich in der Fremde orientieren muss und damit Mühe hat, und auf dieser Liste steht genauso der Ungelernte, dessen Lohn nicht ausreicht, um sich das Nötigste zu leisten und ... .
Übrigens fragt Jesus nicht, ob diejenigen, die seine Hilfe brauchen, auch seinen Glauben haben, also Juden sind. Er heilt syrische Kinder, kehrt in samaritanische Häuser ein, lobt den Andersgläubigen wegen seines tiefen Glaubens usw. 

Und er fragt auch nicht danach, ob die, denen er hilft, es verdient haben geholfen zu bekommen. Im Mittelpunkt seiner Kultur steht immer der Mensch, so wie er ist und gleich wo er herkommt.

Wer sich dieser Kultur verpflichtet fühlt hat keine Angst vor anderen, vor Fremden, vor Überzeugungen, die nicht seine sind. Diese Kultur zeichnet sich dadurch aus, dass die Menschen, die sich auf sie berufen, mutig sind, mutig wie Jesus es war.

Ich finde es gut, dass sich Politiker in unserem Land daran erinnern, was unsere Kultur ist und ausmacht. Wenn sie sich jetzt noch mit dieser Kultur beschäftigen und sie nicht nur als politisches Fähnlein aus dem Fenster hängen, sondern es ernst meinen mit der Besinnung auf unsere Kultur, dann sind wir wieder auf einem guten Weg. In diesem Sinne: „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder, das habt ihr mir getan!“

Im Baumarkt

S. Helwig

Im Baummarkt gehe ich gern in die Schraubenabteilung, denn da herrscht Ordnung. Da sind lauter kleine Kästchen, in denen Schrauben wahrhaft meisterlich sortiert sind. Da ist die Sechskantschraube mit Gewinde bis Kopf bei vierziger Länge und dem Durchmesser M14 im Kästchen für Sechskantschrauben mit Gewinde bis Kopf bei einer vierziger Länge und dem Durchmesser M14. In der Schraubenabteilung ist es überschaubar und damit für den Käufer eine Wohltat; kein Wühlen, sondern ein Griff und du hast, was du brauchst. Allerdings griff ich neulich in besagtes Kästchen und hielt eine längere und im Durchmesser stärkere Schraube in der Hand, ein Fremdling in diesem Kästchen.

Ein Irrtum? Beginnendes Chaos? Auflösung der guten Baumarktsitten? „Was kommt da auf uns zu?“, dachte ich. Nicht wirklich, aber fast, schließlich haben wir es gern geordnet. Bei Schrauben ist das einfach, bei uns Menschen ist das schwieriger. Schwieriger, weil es da so unendlich viele Kategorien gibt. Nehmen Sie mich. Da gibt es für mich die Kategorie männlich, sie ist wichtig, verliert aber ihre Bedeutung, wenn einer die Kategorie Ü 60 anlegt oder die Kategorie Deutsch, die allerdings dann mit der Kategorie Europäer konkurrieren oder Hand in Hand gehen kann. Und wann greifen die Kategorien Protestantisch, Brillenträger, Linkshänder bei 180 cm Körpergröße. Und was haben die wann miteinander zu tun? Ich habe hier den Platz nicht, um alle Kategorien aufzuzählen, die im Laufe meines Lebens angewandt wurden und noch immer auf mich angewandt werden: Kriegsdienstverweigerer, Hobbymusiker, durchschnittlicher Museumsbesucher, Bauchschläfer, WhatsApp-Nutzer.
Ich glaube, wenn man alle Kategorien, unter die ich falle, aneinanderreihen würde und man mich darauf in ein entsprechendes Kästchen legen würde, würde ich alleine dort drin liegen. Was ja dann keinen Sinn macht, weil alles Kategorisieren dann nicht zur Überschaubarkeit führt. Hinzu kommt, dass bestimmte Kategorien, zu denen ich gehöre, eindeutig erscheinen, aber nicht eindeutig sind. Zum Beispiel Deutsch. Ich bin Deutscher, das sagt mein Pass. Aber was ist Deutschsein sonst außer eine Passnotiz? Für mich bedeutet Deutscher zu sein, zu jenem Volk zu gehören, dass Aufklärer hatte wie Emanuel Kant, mutige Menschen wie Luther, Bonhoeffer, Pater Kolbe, begnadete Künstler wie Beethoven, Mendelsohn und Goethe. Und Menschen wie Einstein, Käthe Kollwitz. Für mich bedeutet ein Deutscher zu sein, zu einem Volk zu gehören, das nicht erst seit Frau Merkel Menschen kennt, die sagen können: „Das schaffen wir schon!“, wie damals die Trümmerfrauen in Berlin. Ich weiß, dass andere Deutschsein ganz anders definieren. Mit denen habe ich allerdings nichts zu tun.

Ach, es ist schon schwer mit den Kategorien.
Da fällt mir ein, ganz am Anfang, als es den Irrsinn von Nationen und Kategorien noch nicht gab, gab es eine einzige Kategorie, die Gott uns gegeben hat und die hieß: Mensch oder Geschöpf Gottes. Und diese Kategorie ist ausreichend. Bleibt es bei dieser einen Kategorie, besteht die Chance, dass wir uns miteinander verbinden und in Frieden leben. Wir sind eben keine Schrauben.

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